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Die Kinderfresser-Bar

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Die Kinderfresser-Bar

Sonntag, 20. März 2011

"Man sollte dem Staat mehr vertrauen!" Vielleicht. Aber nicht diesem.

Soso, die FAZ berichtet, die HSH Nordbank entschuldige sich bei ihrem ehemaligen Manager, weil sie ihn mit gefälschten Kinderpornos versucht hat mundtot zu machen.

Natürlich nicht selbst, dafür nutzt man externe Firmen. Im konkreten Fall war das laut Medienberichten die Prevent AG und Mitglied der Geschäftsführung war: Udo Nagel. Wikipedia schreibt dazu:
Udo Nagel war von Ende 2008 bis Mitte 2010 Mitglied der Geschäftsführung der Prevent AG. Wichtiger Kunde des Unternehmens war, während seiner Zeit der Geschäftsführung, die HSH Nordbank. Nach Medienberichten hatte der Bank-Chef Dirk Jens Nonnenmacher durch die Prevent AG im Rahmen des Projekts "Silence" missliebige Kritiker, bis hin zu Bloggern, bespitzeln lassen.[4] Laut Medienberichten hatte Prevent AG des Weiteren einen Mitarbeiter der HSH Nordbank, dessen Entlassung von der Führung der HSH Nordbank gewünscht war, durch gefälschte Beweise mit Kinderporno in Verbindung gebracht und damit seine Entlassung erreicht.
Bank-Chef Nonnenmacher war übrigens auch voll dabei, als die HSH eine halbe Milliarde Euro in dunklen Geschäften ab durch den Kamin geschickt hat, so dass die Bank durch staatliche Bürgschaften in Milliardenhöhe gestützt werden musste. Das LKA Hamburg ermittelt wegen Untreue und Bilanzfälschung.

Was Nonnenmacher aber natürlich nicht davon abgehalten hat, sich neben seinem Gehalt von einer halben Million Euro pro Jahr für seine Glanzleistungen eine Bonuszahlung von knapp 3 Millionen Euro zukommen zu lassen. Genehmigt übrigens von Rainer Wiegard von der schwarzen Pest. Nonnenmacher hat jetzt übrigens seinen Vertrag mit der HSH vorzeitig beendet - zum 31. März 2011. Wieviel Geld dabei geflossen ist, ist nicht bekannt.

Doch zurück zu Udo Nagel: Der fand dann seine neue Heimat bei RTL2, wo er Hand in Hand mit der Gattin unseres akademischen Betrügers von und zu Möchtegern Guttenberg die Sendung "Tatort Internet" moderierte und unbelastet von Fakten und Wissen in billiger Demagogie gegen das "böse Internet" hetzte. Das sei voll von Kinderpornos - naja, er muss es ja wissen.

Ganz früher war Udo Nagel übrigens mal Innenminister von Hamburg, bezeichnenderweise unter dem wegen angeblicher Rechtsbeugung in Verruf geratenen koksenden Anti-Drogen-Hardliner Ronald Schill. Und da ließ er sich 2008 in der SZ mit der Aussage zitieren: 

"Man sollte dem Staat mehr vertrauen!"

Vielleicht. Aber nicht diesem.

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Sonntag, 19. Dezember 2010

Udo Nagel, der altbekannte Blender

Es ist ja schon amüsant, das man manche Namen immer wieder trifft.

Wir kennen den guten Mann bereits aus Artikeln wie Wenn du denkst, schlimmer geht's nicht mehr, kommt der Adel wieder her
Udo Nagel, zuletzt Mitglied der Geschäftsführung eines Hamburger Unternehmens, dem in Presseberichten unterstellt wird, dass es einen ranghohen HSH-Mitarbeiter im Auftrag der HSH-Führung mit gefälschten Kinderporno-Beweisen kaltgestellt hat.
Inzwischen macht er mit Pornosteffi Propaganda für Internetzensur auf RTL2, aber früher war er mal Innenminister von Hamburg und tönte rum:
Ich bin für ein Verbot von Scientology.
Was, wie wir heute wissen, ein Ablenkungsmanöver zur Wahl war. Und wer hat uns das geflüstert? Natürlich Wikileaks.

Update: Haha, und unter welcher Schlagzeile breitet sich der Mann auch noch in der Sueddeutschen aus? Man sollte dem Staat mehr vertrauen.

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Freitag, 8. Oktober 2010

Wenn du denkst, schlimmer geht's nicht mehr, kommt der Adel wieder her

Erinnern Ihr euch noch an diese bezaubernde Adelsbraut von unserem adeligen Verteidigungsminister?

Stephanies gestylter Theodor - mit einer schnieke Abstammung:
Karl-Theodor von und zu Guttenberg

Guttenberg entstammt dem gleichnamigen fränkischen Adelsgeschlecht. Seine Eltern sind der Dirigent Enoch zu Guttenberg und dessen 1977 von ihm geschiedene Frau Christiane Henkell-von Ribbentrop, eine Tochter Jakobs Graf von und zu Eltz. Christiane Henkell-von Ribbentrop ist seit 1985 Ehefrau Adolf Henkell-von Ribbentrops, eines Sohns des Reichsministers des Auswärtigen a.D. Joachim von Ribbentrop und Anneliese Henkell.

Und dieser Mann hat sie gewählt - die Liebe seines Lebens:

Stephanie von und zu Guttenberg
CC-BY-SA-3.0 )
Die schöne Stephanie zu Guttenberg, die Ur-Urenkelin von Reichskanzler Otto von Bismarck, Überbleibsel des Bismarckschen Adelsgeschlechts, dass - sagen wir es so - schon mal mehr lebende Äste gehabt hat.

Und so ist auch Stephanie zu Guttenberg die einzige gemeinsame Tochter von Andreas von Bismarck-Schönhausen und ihrer schwedischen Mutter: Charlotte Kinberg - die eine Firma für Inneneinrichtungen leitete.

Mit so einem Stammbaum steht die Wiedergeburt als Bürgerliche ja unmittelbar bevor, und wir alle können die innere Zerrissenheit von Stephanie nachempfinden, die sie belasten musste: Blut oder Zukunft? Doch nicht nur Abstammung hat Theodor vorzuweisen:
Guttenbergs Großvater Karl Theodor Freiherr von und zu Guttenberg war von 1967 bis 1969 Parlamentarischer Staatssekretär im Bundeskanzleramt. Sein Urgroßonkel Karl Ludwig Freiherr von und zu Guttenberg war ein deutscher Widerstandskämpfer im Zweiten Weltkrieg. Mit einem geschätzten Familienvermögen von 600 Millionen Euro gehören die zu Guttenbergs zu den 300 reichsten Familien Deutschlands.
Dafür opfert man nach intensivem Nachdenken und einem durch eigene Arbeit finanzierten Studium auch seinen Namen, und aus Stephanie Gräfin von Bismarck-Schönhausen wird Stephanie Freifrau von und zu Guttenberg. Für eine neue, strahlende Zukunft.

Nach diese folgenschweren Entscheidung im Jahr 2000 wurde 2003 in Deutschland Innocence in Danger gegründet, und Stephanie wurde die Präsidentin. Innocence in Danger, ein Verein dessen Aufgaben es sind, Lobbyarbeit für Internetsperren zu machen und sich gegen sexuellen Missbrauch von Kindern, insbesondere die Verbreitung von Kinderpornographie durch die neuen Medien zu engagieren.

Und als dann die Frau von der Leyen 2009 den Startschuss zur Aktion Kinderporno-Sperren zündete, war die schöne Stephanie glücklich, der siebenfachen Super-Mutter Ursula und Kabinettskollegin ihres Göttergatten helfen zu können mit der moralischen Unterstützung einer Institution, die sich schon immer, nämlich seit ihrer Gründung, für die Kinder eingesetzt hat.

Letzten Monat veröffentlichte Stephanie dann zusammen mit Anne-Ev Ustorf das Buch „Schaut nicht weg! Was wir gegen sexuellen Missbrauch tun müssen - with a little help from the BILD. Wenn man Leserberichten glauben schenken darf, kann man an den Qualitätsschwankungen ablesen, welche Stellen von Stephanie stammen und welche von ihrer Co-Autorin. 
Praktischerweise führte das Buch aber ein neues Wort in die Öffentlichkeit ein: Pädokriminell. Ein Wort, das sexuelle Orientierung (Pädophilie) und sexuellen Missbrauch von Kindern und Kinderpornografie vermischt und damit - wie sagt man so schön - alles in einen Topf wirft.

Wie erwartet werden Phantasie und Gedanken in einem Wort vereint mit kriminellen Handlungen und damit gleichermaßen Ziel unreflektierter moralischer öffentlicher Anklage. Nicht mehr das kriminelle Tun wird verfolgt, sondern bereits das unmoralische Denken. Menschen, die den klaren Blick verschleiern, waren schon immer die Retter unserer Zukunft.

Und der neueste Coup: Stephanie mausert sich vom C- zum B-Promi. Vorhin tourte sie noch Werbung für ihr Buch machend durch die Welt; zuletzt bot ihr der Qualitätsjournalist Peter Hahne als Teil öffentlich-rechtlicher Grundversorgung ein völlig unparteiisches Forum.

Und heute hat sie schon eine eigene Fernsehshow zur Primetime, passenderweise beim qualitativ minderwertigsten Privatsender mit Vollprogramm der deutschen Fernsehbranche. Tatort Internet heißt das Format, gestrickt nach dem Vorbild der US-Serie To Catch a Predator, in dem ein Team um die Journalistin Beate Krafft-Schöning versucht, als Kind getarnt im Chat eben diese Pädokriminellen zu einem Treffen zu locken und dort vor der Kamera an die Wand zu stellen, wenn sie tatsächlich kommen. 
Kraft-Schöning ist ebenfalls keine Unbekannte; wirklich hochwertige Lektüre wie Nur ein Mausklick bis zum Grauen geht auf ihr Konto.

An Stephanies Seite steht dabei zum einen Julia Freifrau von und zu Weiler, ebenfalls einem Adelsgeschlecht entsprungen und ihres Zeichens Geschäftsführerin bei - wen wundert das jetzt? - Innocence in Danger, alias Auffangbecken für Adelige e.V.

Außerdem bei der neuen Sendung mit dabei: Udo Nagel, zuletzt Mitglied der Geschäftsführung eines Hamburger Unternehmens, dem in Presseberichten unterstellt wird, dass es einen ranghohen HSH-Mitarbeiter im Auftrag der HSH-Führung mit gefälschten Kinderporno-Beweisen kaltgestellt hat. 

Wir können uns also freuen auf die regelmäßige extra Portion Pädo-Gruseln in HD, das den Begriff pädokriminell visuell und dramaturgisch ausfüllt! Frei Haus (Für alle die einen Fernseher haben!)
Schurken, die ihre Schnurrbärte zwirbeln sind leicht zu erkennen, aber diejenigen, die sich in gute Taten kleiden, sind hervorragend getarnt. Wachsamkeit Mr. Worf, das ist der Preis den wir kontinuierlich zahlen müssen. (Jean-Luc Picard)

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Samstag, 25. September 2010

Warum ich keine Zeitung lese am Beispiel von DIE ZEIT

Meinen Lesern ist die ewige Diskussion um Qualitätsjournalismus, Leistungsschutzrecht usw. natürlich ein Begriff. Zuletzt hat Stefan Niggemeier mit Falsche Freunde über diese andere Realität gebloggt und die neueste abgefahrene Idee ist, Schüler zum Zeitungslesen zu zwingen.

Auch über die zunehmend unterirdische Qualität des Qualitätsjournalismus ist schon viel geschrieben und diskutiert worden; all die kleinen Schnitzer und systematischen Fehler kann man bei Twitter wiederfinden.

Aber was irgendwie noch fehlt ist mal ein Beispiel, wie Zeitunglesen so abläuft. Meine Vermutung ist ja, dass die Art und Weise der Informationsrezeption eine grundlegend verschiedene ist zwischen digital natives, digital immigrants und Papierlesern, weshalb die einen die morgendliche Lektüre der FAZ als unerlässlich empfinden, während ich die FAZ nach zwei Monaten lesen wegen mangelnder Relevanz und Qualität abbestellt habe.

Für dieses Beispiel, wie ich Zeitung lese, habe ich DIE ZEIT Ausgabe 39 ausgewählt. Zum einen, weil sie hier ohnehin rumlag, zum anderen, weil sie in der Kategorie Wochenzeitung weniger ein das-ist-passiert abbildet, sondern mehr Kontexte aufzeigt und in die Tiefe geht.

Denn für was-ist-passiert brauche ich keine Zeitung mehr, darüber bin ich durch das Internet früher und umfangreicher informiert. Insofern hat eine Wochenzeitung noch den meisten potentiellen Mehrwert für mich. Und ein Artikel, dessen andauerndes Fazit weiß-ich-schon-seit-... ist, ist nicht sonderlich spannend.

Also fangen wir an - mit Seite 1:

DIE ZEIT, Ausg. 39 - Seite 1
Beim nächsten Mal wird alles besser macht einen Rückblick auf die deutsche Einheit. Den überfliege ich kurz, stelle fest, es geht im wesentlichen nur um die wirtschaftlichen Aspekte und erspare mir daher das Lesen. Erstens verstehe ich zu wenig von Wirtschaft, um die bruchstückhaften Informationen kritisch würdigen zu können, zweitens - was mit erstens zusammenhängt - interessiert es mich auch wenig.

Viel interessanter fand ich da den Chaosradio-Express Podcast 160 zur DDR, den ich vor kurzem gehört habe.

Von Jetzt wird regiert schreckt mich schon die zweite Überschrift ab: Die Kanzlerin zeigt Führungswillen. Aber reicht das den Wählern, sich mit der Politik zu versöhnen? Wenn das ein Resümee des Artikels in Frageform ist, kann man vom Artikel nichts erwarten. Führungswillen. Ich versöhne mich mit Angela Merkel doch nicht wegen irgendeines Führungswillen, wenn der Zwist auf ihren Taten beruht.

Hinter Schloss und Riegel ist ein Kommentar zum Thema Amoklauf und Schützenvereine. Tenor der zweiten Überschrift: Schützenvereine müssen jetzt abrüsten. D'accord - aber die Argumente dieser Diskussion sind mir bekannt, meine Meinung dazu habe ich mir schon gebildet (und gebloggt), das Lesen kann ich mir sparen, es sei denn, ich brauche gerade etwas Selbstbestätigung fürs Ego.

Den ganzen Kram in der rechten Spalte kann ich mir zu lesen sparen, er verweist nur auf das was kommt und das werde ich ohnehin gleich sehen.

Fazit von Seite 1: Drei Überschriften gelesen und einen Artikel überflogen. Zeitaufwand vielleicht 30 Sekunden.

Kommen wir also zur Doppelseite 2-3:

DIE ZEIT, Ausg. 39 - Seite 2-3
Linke Seite, linke Spalte, Worte der Woche. Von den 6 Leuten kenne ich nur zwei. Wirklich herausstechend ist nur Christine O'Donnell mit:

Wenn die Regierung das Volk fürchtet, dann herrscht Freiheit.

In V wie Vendetta heißt es: Ein Volk sollte nicht Angst vor der Regierung haben, eine Regierung sollte Angst vor dem Volk haben.

Frau Donnell merke ich mir - vielleicht kann man sie ja beizeiten beim Wort nehmen, wenn der Wahlkampf (Senat von Delaware) vorbei ist.

Darunter kommt eine Überschrift mit dem Worte Sarrazin - der Textblock wird übersprungen, genauso wir Dönhoff-Preis. Der Azubi-Diktator über Nordkorea wird übersprungen. Was dort passiert, entzieht sich ohnehin jeder Kontrolle und jedem Wissen. Über Nordkorea kann man daher alles und nichts schreiben.

Auf Seite 3 dann Wehe, wenn wir wieder regieren über die neue Stärke der Grünen. Den Artikel lese ich an, weil sich aber nach wenigen Sätzen abzeichnet, dass es nicht die Vielzahl von Informationen ist, die den Artikel so lang machen, sondern eher ein epischer Erzählstil, springe ich gleich etwas weiter. Können die Grünen, wollen die Grünen, ein paar kurze Statements von Grünen, usw. Wenig Substanz zu einem Thema mit wenig Substanz. CDU/FDP regieren, SPD kämpft einen Todeskampf, bleiben nur die Grünen zu denen mal als Wähler hinrennen kann. Eine typische Blase die genauso wieder platzen wird. Wenn sie eines verdeutlicht, dann nicht die Stärke der Grünen sondern die zunehmende Instabilität des Wählerwillens und den Bedeutungsverlust der Volksparteien. Ein Glück, dass sich das (noch?) auf die Grünen fokussiert und die Leute nicht gefrustet NPD & Co. wählen.

Fazit der Doppelseite 2-3: Ein Artikel angelesen und dann quergelesen, ein gutes Zitat gefunden, dass leider nach dem Wahlkampf wieder vergessen sein wird. Zeitaufwand vielleicht 3 Minuten.

DIE ZEIT, Ausg. 39 - Seite 4-5
Doppelseite 4-5 beschäftigt sich - außer mit Werbung für einen antiquiertes Statussymbol und irgendeinem driving coat damit, dass Frankreich Roma vertreibt während Millionen dagegen auf die Straße gehen, Sarkozy fett angefressen ist und für einen Politiker überraschend deutliche Worte findet und Angela Merkel - wir erinnern uns, die Frau mit dem neuen Führungswillen - nichts tut, außer zu dementieren, sie habe auch vor, demnächst Roma rauszuschmeißen.

Eingerahmt von zwei nichtssagenden Bildern von Sarkozy und seinem Gegenspieler Barrosso. Was für ein Fehlgriff in der Wortwahl.

Unten findet sich immerhin eine schöne Visualisierung, wie die neue Antimuslim-Rechte Europa erobert.

Weil mir das Thema allgemein bekannt ist, lese ich den Artikel nur quer. Er enthält in vielen schönen Worten nichts neues. Lediglich der schöne Satz Sie ist die stärkste Fraktion im Parlament und stellt einen Minister, genannt Bundesrat wirft mich so aus der Bahn, dass ich erstmal bei Wikipedia überprüfen muss, ob DIE ZEIT Mist schreibt, oder in der Schweiz tatsächlich ein Minister mit dem Namen Bundesrat existiert. Keins von beiden ist der Fall - die Schweizer nennen die Minister im Bundesrat auch einfach Bundesrat. Oder Bundesrätin. Wieder was gelernt.

Fazit für die Doppelseite 4-5: Schön, dass DIE ZEIT diesem Thema immerhin eine Doppelseite einräumt. Allerdings hätte man vielleicht auch einen Anrisstext auf Seite 1 platzieren können. Da steht ja sonst wenig sinnvolles. Und die Visualisierung mittels Europakarte ist ein typisches Beispiel dafür, wieviel besser man für so etwas das Medium Internet nutzen könnte. Ich erinnere nur mal an den Guardian bei den Afghanistan War Diarys. Da hätte man ganze Artikel pro Land anhängen können, statt jeweils nur einen doch stark verkürzenden Absatz im Artikel daneben zu schreiben, das ganze mit einer verstellbaren Zeitleiste verknüpfen, usw. Zeitaufwand hier etwa 5 Minuten.

DIE ZEIT, Ausg. 39 - Seite 6 -7

Nach einmal umblättern springt mir auf Doppelseite 6-7 Mitmachen? Warum nicht! entgegen, der sich mit Politikverdrossenheit und einem mangelnden politischen Engagement auseinandersetzt. Leider kommt der Artikel über Allgemeinplätze nicht heraus und die einzige Perspektive die er aufwirft ist, es müsse irgendwie Romane, Filme oder TV-Serien geben, die von der Attraktivität von Politik handeln. Ja sicher. Diesen Artikel zu lesen war Zeitverschwendung.

DIE ZEIT, Ausg. 39 - Seite 8 - 9
Zum Glück sieht man dem Artikel Wie politisch bin ich noch? sofort an, dass man ihn sofort überblättern kann. Ein Multiple-Choice-Test der einem dabei helfen soll, seine eigene politische Kompetenz einzustufen. Neben Fragen wir Welche Tiere tragen maßgeblich zum Treibhauseffekt bei und Wer wurde Bluthund genannt gibt es dann schöne Visualisierungen, zB von einem Anzugträger mit einer Baumkrone als Kopf. 

Auf Doppelseite 8-9 setzt sich das fort und dann kommt die Auswertung. Je mehr Punkte man hat, desto mehr geballte Fäuste kriegt man. Immerhin stand schon in der Überschrift, man solle die Fragen ernst, aber nicht zu ernst nehmen.

Fazit: Zwei Doppelseiten, eine Enttäuschung. Etwa 8 Minuten verschwendete Zeit. 

DIE ZEIT, Ausg. 39 - Seite 10 - 11
Auf Doppelseite 10 - 11 wird dann erstmal unter dem Titel Dynamo Deutschland Sigmar Gabriel zum künftigen Kanzlerkandidaten erhoben. Mit einem tollen Bild in der Mitte und einer nichtssagenden Bildunterschrift. Mehr als 5 Sekunden Aufmerksamkeit kriegt der Artikel nicht.

Der nächste Artikel Wir sind anders steht neben dem Beitrag der ZEIT zur Atomdebatte: Eine Werbeanzeige der Atomlobby, die Kernkraft als Partner regenerativer Energien darstellt: CO2-Ausstoß = Null, Klimaschützer unter sich. Ja, für Geld kann man in der ZEIT alles lancieren.

Der eigentliche Artikel auf Seite 11 dreht sich mal wieder um Ostdeutschland und er verspricht medienkritisch zu werden. Und aus irgendeinem Grund sind alle Absätze durchnummeriert. Keine Frage, den lese ich. Und stelle fest: Substanzieller Artikel, gute Arbeit Jana Hensel. Ist mir auch schon aufgefallen, aber so differenziert und detailliert habe ich das noch nicht betrachtet. Wäre es ein Online-Artikel, würde ich mir den jetzt in meinen Feedreader schieben, entsprechende Tags vergeben um ihn widerfinden und verlinken zu können. Leider gibt es ihn nicht online. (EDIT: Doch, es gibt ihn hier, danke @Anonym) Und so wird er verloren gehen. Trotzdem schaue ich noch bei Wikipedia, wer Jana Hensel ist. Ihren Namen merke ich mir.

Fazit: Ein guter Artikel, einen neuen Namen, Zeitaufwand ungefähr 15 Minuten.

DIE ZEIT, Ausg. 39 - Seite 12 - 13
Die Doppelseite 12 - 13 verspricht gut zu werden. Lässt sie tatsächlich zwei muslimische Frauen zu Wort kommen, die wohltuend rational die Debatte ums Muslimischsein vom Kopf auf die Füße stellen. Özlem Topçu mit Was alte Losungen nicht vorhersehen und Naika Foroutan mit Wer ist wir?.

Özlem Topçu hat auf ihrer Webseite sogar eine Vielzahl weiterer Texte veröffentlicht, die einen interessanten Lesestoff versprechen. Leider endet alles irgendwie Anfang 2009 und auch dieser Artikel ist nicht darunter. Aber ich finde ihn online bei der ZEIT, und so wandert er in mein digitales Archiv. Dasselbe gilt für Wer ist wir?.

Auf Seite 13 gibts einen Artikel pro Moskaus Bürgermeister den der russische Präsident nicht mag und darunter irgendein Bericht von den Phillipinen. Keiner der Artikel verspricht einen Mehrwehrt, den man nicht auch hätte twittern können. Ich lese sie nicht.

Fazit: Zwei gute Artikel, zwei neue Namen und mehr im Internet. Ein Verweis auf dieses Mehr hätte die ZEIT aber ruhig abdrucken können. Und man hätte beide Artikel lieber thematisch bei Seite 4 - 5 einordnen sollen. Zeitaufwand für diese Doppelseite: Ca. eine halbe Stunde; allerdings entfallen davon bestimmt zwei Drittel auf Nachrecherchen im Internet.

DIE ZEIT, Ausg. 39 - Seite 14 - 15
Doppelseite 14 - 15 ist dann wieder eine Enttäuschung. Sarrazin-Artikel überspringe ich sofort (don't feed the trolls), Afghanistan und Versagen des Westens ist mir bekannt, das Roland Koch jetzt Tête-à-tête mit dem Dalai Lama ist, zeigt nur seine Heuchelei - entweder heute oder gestern. Einen kurzen Schnipsel zu Hartz IV, einen langen Artikel über Ahmadineschad (don't feed the trolls) überlättere ich auch, und dass Demokratien ihre Fehler korrigieren können, ist zwar theoretisch klar, wird sich aber erstmal praktisch beweisen müssen. 
Fazit: Zeitaufwand ca. 30 Sekunden.


DIE ZEIT, Ausg. 39 - Seite 16 - 17
Die Seite 16 ist das Inhaltsverzeichnis, das Dossier beschäftigt sich auf Seite 17, 18 und 19 damit, dass das Drama verschütteter Bergleute zur Fernsehshow wird. Ja sowas gibts doch in Deutschland nicht.

Auf Seite 20 folgt dann die Wochenschau wo irgendeine Katarina Witt zur Miss Olympia 2018 stilisiert wird; da mich Sport nada interessiert und auch der Kulturschnipsel darunter mit irgendeinem chinesischen Dichterdissidenten nicht prickelnd erscheint, folgt der nächste Blick auf Seite 21.

DIE ZEIT, Ausg. 39 - Seite 20 - 21
Da gehts um Geschichte von vor Ewigkeiten und und irgendeiner Staufer-Schau in Mannheim; daneben um Casanova. Auf Seite 22 folgt dann ein Exkurs in die Kolonialzeit.

All das überspringe ich mangels Interesse. Und darum gibts darüber so wenig zu schreiben, dass ich hier nichtmal mehr alle Bilder hinquetschen kann, ohne dass aus diesem Artikel ein Bilderbuch wird oder ich Fülltext wie diesen hier produzieren muss.




DIE ZEIT, Ausg. 39 - Seite 22 - 23
Auf Seite 23 gehts dann weiter mit Wirtschaft, ein Thema wovon ich wie gesagt keine Ahnung habe und auch kein Interesse mitbringe. Sind das Spinner? (Fortsetzung auf Seite 24) beschäftigt sich mit einer Abkehr von dem Wachstumsdogma. Für eine fundierte Meinung wird das aber kaum ausreichen; da kann ich es auch gleich lassen. Rechts daneben gibts ein bisschen Maziere-Gebashe weil er dem Google-Gebashe nur eine Selbstverpflichtung folgen lässt. Unten gibts die Anekdote um die richtige Schnitzelgröße, die schon vor Tagen durch Twitter lief.


DIE ZEIT, Ausg. 39 - Seite 24 - 25

DIE ZEIT, Ausg. 39 - Seite 26 - 27
Auf Seite 25 gehts dann um S21, aber zu diesem Thema ist inzwischen wirklich alles gesagt. Zumindest im Netz. Seite 26 - 27 bietet dann in Denken, wie das Netz es will in einer Doppelseite Raum für eine Buchbesprechung von irgendeinem bald erscheinenden Buch. Sicherlich ein guter Artikel für Nicht-Netzies, aber nach wenig querlesen ist mir klar, dass es hier nur Altbekanntes gibt.

DIE ZEIT, Ausg. 39 - Seite 28 - 29


Auf Seite 28 schafft man es, immerhin eine Seite mit der Erkenntnis zu füllen, dass in ganz Europa der Sozialstaat abgebaut wird, Seite 29 handelt von irgendwelchen Firmen, dich ich nicht einmal kenne.
  
Inzwischen habe ich also 15 Seiten überblättert, doch es geht munter weiter. Auf Seite 30 - 31 geht's mal wieder um die DDR und ihre Wirtschaft, dann kommt auf Seite 32 als Artikel getarnte Werbung. Auf Seite 33 heult sich der angeblich erfolgreichste Banker Italiens aus, dass ihn keiner mehr will. Wahrscheinlich Resultat seines Erfolges.

Die Seiten 34, 35, 36 handeln dann von Silberpreis, Bankenfusionen, den Ermittlungen gegen die Telekom, Volkswagen und einer Einführung für Kinder, Warum gibt es Arbeitslose? und vom Erfolgsrezept einer miesen Zeitschrift namens Landlust.

Sicherlich, da sind einige heiße Themen bei - aber wie gesagt - nichts, wovon ich etwas verstehe. Auf Seite 37 gehts dann weiter mit radikalen Tierschützern gegen eine Hähnchenfabrik - bereits die Überschrift sagt einem alles was kommt.

DIE ZEIT, Ausg. 39 - Seite 54 - 55
So langsam wirds langatmig, ich verkürze mal: Ich werde den Wirtschaftsteil überlättern, im Wissen hier und da reinlesen, aber nichts spannendes finden, den Feuilleton überlättern aber mich vorher noch auf Seite 54 über eine richtig miese und unkritische Buchbesprechung zu Stephanie Guttenbergs Buch ärgern, die voll die emotionale Denkt-denn-niemand-an-die-Kinder Schiene fährt und mit dem Fazit endet: 
Frau Guttenberg denkt an die Kinder, deshalb sollen ihr die Unternehmen, die im Internet Kasse machen, 800.000 Euro für ein Selbsthilfeprogramm gemobbter Jugendlicher geben. Ich weiß natürlich nicht, ob die Autorin das Buch gelesen hat, aber angesichts der massiven Mängel dieses zusammenschusterten Propagandawerkes fällt es mir schwer, das zu glauben.

DIE ZEIT, Ausg. 39 - Werbung getarnt als Journalismus
Die Rubrik Reisen überblättere ich ebenfalls; die Texte fand ich noch nie gut, aber die Bilder habe ich mir früher gerne angeschaut. Aber da ist Google-Earth mit geogetaggten Panoramia-Fotos und geogetaggten Wikipedia-Artikeln längst kilometerweit vorbeigezogen. Dann kommt Beruf und dann Chancen, nochmal als Artikel getarnte Werbung, 10 Seiten Stellenanzeigen und auf Seite 96 ist Schluss.

Gesamtfazit: Drei gute Artikel, allerdings erst auf den Seiten 11 und 12 und nur zwei davon kann ich archivieren. Ebensoviele richtig schlechte Artikel, der Rest der toten Bäume wandert mangels Interesse mehr oder weniger ungelesen in den Müll. 

Ein wenig Erkenntnisgewinn, aber einen viel zu großen Teil meiner Zeit habe ich einfach damit verbracht, Artikel auszusortieren. Diese Filterfunktion übernehmen die systeminternen Mechanismen im Internet automatisch und besser; die Quote guter Artikel ist daher viel höher, die Artikel detaillierter, die Verweise besser, die Möglichkeit zur Archivierung jederzeit gegeben - und zwar ohne suchen.

Und natürlich hat eine Zeitung keine Möglichkeit zur Vertiefung, das erfolgt dann wieder im Internet, abseits der hierfür nicht existenten Angebote der Verlage.

EDIT: Es gibt noch mehr Menschen, die Zeitung lesen und sich fragen warum.

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