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Warum Piratenpolitik "liquid" sein muss

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Die Kinderfresser-Bar: Warum Piratenpolitik "liquid" sein muss

Mittwoch, 18. Mai 2011

Warum Piratenpolitik "liquid" sein muss

Claudius Holler hat seine Gedanken zum Thema Liquid Feedback niedergeschrieben. Sein Argument dass ich bei ihm herauslese ist:  LQFB kranke daran, zu viel Kompromiss zu sein. Pseudonymität statt Transparenz, Löschung von Historie statt dauerhaftes Gedächtnis. Eine Gegenrede.

Realität und Utopie

Claudius schreibt:
Fortwährende Zugeständnisse und Kompromissfindungen haben meine Freude an LQFB geschmälert. Für Bedenkenträger und Skeptiker eingeführte Änderungen hinsichtlich Anonymität, Datenschutz und Historie haben (wen wundert´s) nicht dafür gesorgt, dass die Skeptik in Euphorie umschlägt oder das Ansehen dieses Tools gesteigert. Vielleicht ist mir die massenweise Mehrnutzung von vorigen Gegnern aber auch nur entgangen, doch gefühlt wurde unsere Piraten-Instanz zu Tode kuriert.
Kein Kompromiss wird dafür sorgen, dass LQFB-Gegner auf einmal zu hochaktive Nutzern werden, während zeitgleich die Frustrate bei den Befürwortern zu stetig fallender Nutzung führt.
Das mag man so sehen oder auch nicht - vielleicht wäre in einer idealen Welt LQFB wirklich noch viel viel geiler, wenn diese Kompromisse nicht wären. 

Aber in einer idealen Welt würde auch direkte Demokratie vielleicht funktionieren, weil alle ohne Ahnung einfach mal die Fresse halten würden. In einer idealen Welt könnten wir auf Privatsphäre völlig verzichten, weil alle tolerant sind und niemand durch die Androhung sozialer Ächtung unter Druck gesetzt wird. In einer idealen Welt würde jeder zu seinen politischen Überzeugungen und Entscheidungen stehen wollen und können, weil daraus für niemanden Nachteile erwachsen würden und jeder in der Lage wäre, einen politischen sachlichen Diskurs auf einem entsprechenden Diskussionsniveau zu führen oder eben wenigstens die Fresse zu halten.

Bloß: Wir wissen, dass es meistens die anderen sind, die keine Ahnung haben. Shitstorms treffen nur die Leute, die einfach dumm und Scheiße sind und @laprintemps kann natürlich frei von Anfeindungen und PAV-Androhungen ihre politische Meinung öffentlich äußern. Ja klar. Wir leben eben einfach nicht in einer idealen Welt, weil es keine idealen Menschen gibt!

Deshalb sage ich, wir betrachten das liquid in Liquid Democracy viel zu technisch. Liquid heißt es, weil die Delegation eben nur temporär ist, sich jederzeit ändern kann und deshalb das Repräsentationselement verflüssigt.

Stimmt. Aber es greift viel zu kurz. Meine These ist: Jede große politische Idee muss in sozialer Hinsicht liquid sein, weil die Schritte die wir gehen wollen, viel zu groß sind, um sie auf einmal zu machen.

Jede neue Idee muss in sozialer Hinsicht liquid sein

Betrachten wir das doch am Beispiel Demokratie: In Spanien beginnen gerade die Unruhen von Menschen, die eine echte Demokratie fordern. Menschen, die keine Parteiendiktatur mehr wollen, sondern eine Offenheit des politischen Systems für jeden. Keine unverbindlich-freundliche Anhörung sondern Mitbestimmung. Das trifft bei den Piraten auf Sympathie - und umgekehrt die Piraten bei diesen Menschen. Aber machen wir uns nichts vor: Das wird ohne computerbasierte Willensbildung nicht realisierbar sein - aber wenn man sich traut diesen Schritt zu gehen, dann wird der Staat zu einem Projekt, das nicht mehr von denen da oben gestaltet wird, sondern von uns: Dem Bürger. 

Ich bin überzeugt, dass dann Staat und Gesellschaft freier, gerechter, mutiger und zukunftsfreudiger sein werden als heute, denn ein Großteil der Menschen ist längst weiter als ihre Herrscher, die von einer fehlerhaften, systemimmanenten Logik ausgewählt werden.

Das ist aber ein politischer Schritt, dessen Dimension man erst erkennt, wenn man ihn historisch einordnet. Generationen von Menschen sind in einem System großgeworden, in dem es die da oben gab und einen selbst. Ein System, das geprägt war von dieser Unterscheidung zwischen dem Staat und seinen Politikern oben und dem einfachen Bürger unten. Es ist genau diese Unterscheidung, die sich gerade auflöst. Und genau daher kommt der Anspruch auf echte politische Mitbestimmung, den insbesondere die junge Generation zunehmend an Staat und Gesellschaft heranträgt.

Aber diese Menschen zu denen ich auch die Piraten zähle, sind - machen wir uns nichts vor - Elite. Nicht nur häufig eine Wissenselite sondern auch eine Zukunftselite. Wir versuchen unser Weltbild differenziert neu zu denken, wir loten die Grenzen zwischen Privat und Öffentlich neu aus, stellen tief verwurzelte Denkstrukturen in Frage (Wer nicht arbeitet soll auch nicht essen), stellen das freie, neugierige, selbstbestimmte und selbstmotivierte Individuum als Gegenentwurf zur permission culture in den Mittelpunkt unseres Menschenbildes und konstruieren mit Liquid Democracy ein demokratisches System, das das jahrtausende alte Prinzip der Hierachie und Weisheit des Einzelnen durch das Netzwerk und die Weisheit der Masse ablösen soll.

"Change" dauert Generationen

Das sind gigantische Ideen und Perspektiven die wir da aufwerfen. Sie sind so gigantisch, weil sie Grundfesten unserer Gesellschaft in Frage stellen, die sich über Generationen in unserem Denken und unserer Kultur verfestigt haben. Und genauso lange wird es brauchen, sie zu ändern: Generationen.

Wenn wir gut sind, werden unsere Kinder oder die Kinder unserer Kinder einmal in einer Gesellschaft aufwachsen, in der Bildung, Persönlichkeitsentwicklung, Freiheit und Selbstbestimmung zu den Grundwerten gehören, die niemand mehr ernsthaft in Frage stellt. Wir werden als Großeltern von unseren Enkeln belächelt werden wenn wir ihnen erzählen, dass es früher nur eine bestimmte Gesellschaftsschicht namens Politiker gab, die politische Entscheidungen traf und die meisten Menschen nur würdig existieren durften, wenn sie ständig arbeiteten, während einige wenige in unermesslichem Reichtum und Dekadenz lebten. Sie werden sich nicht mehr vorstellen können, dass man so leben kann, weil es für sie eine Selbstverständlichkeit ist, in sozialer Sicherheit zu existieren und am Computer die Welt zu gestalten. Und wahrscheinlich werden sie diesen (unseren!) Errungenschaften nicht den nötigen Respekt entgegenbringen den wir glauben erwarten zu dürfen.

Doch bis zu Schaukelstuhl und Enkelkindern ist es noch ein weiter Weg. Wenn wir aber Elite sind, wenn wir Vordenker sind, dann obliegt uns nicht nur die Aufgabe diese Zukunft zu gestalten, sondern auch die Verantwortung, alle in diese Zukunft mitzunehmen - auch die, die nicht Elite sind. Wir dürfen sie weder zurücklassen noch überfordern. Unsere Ideen müssen wir so umsetzen, dass jeder ihnen in der Geschwindigkeit folgen kann, wie er eben kann und will. Der Aufbruch muss fließend erfolgen - eben liquid.

Das ist in meinen Augen auch das stärkste Argument, dass es für Liquid Democracy gibt. Nur Liquid Democracy ermöglicht es jedem Einzelnen, sich von dem Klassendenken Ich <=> Politiker so schnell oder so langsam zu lösen, wie er es möchte, weil jeder bei der repräsentativen Demokratie abgeholt wird und dann die Geschwindigkeit seiner Reise zum demokratisch partizipierenden Individuum selbst bestimmen kann. Liquid Democracy ermöglicht es, diejenigen einzubinden, die Mitentscheiden wollen, ohne dass diejenigen hinten runterfallen, die das nicht wollen oder können. Jeder wird eingeladen zu schwimmen, aber niemand ins Wasser gestoßen.

Genauso liquid muss es auch möglich sein, sich zu einer öffentlichen Person zu machen, damit wir diejenigen einbinden können die Öffentlichkeit wollen ohne diejenigen auszuschließen, die (noch?) nicht bereit sind, diesen Schritt zu gehen. 
Deshalb sehe ich den Entscheidung pseudonym unterwegs sein zu können nicht als eine Schwächung von Liquid Feedback sondern als eine Stärkung an. So wird Liquid Feedback besser, weil sich das System an einer weiteren Stelle verflüssigt und so jedem Teilnehmer die Freiheit gibt, genau den Platz im System zu finden, an dem er sich wohlfühlt, mit dem genau dem Grad an Selbstständigkeit und Transparenz, der ihm gefällt.

Es wäre ein politischer Fehler, diese Entscheidung zu revidieren.

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3 Kommentare:

Am/um 18. Mai 2011 um 19:13 , Blogger Simon meinte...

Die Idee ist nach wie vor reizvoll, nur kann man folgende Fakten nicht wegdiskutieren, egal wie rosa die Brille ist, die man trägt:
(1) Ein Meinungstool das NUR TECHNISCH die Abstimmung realisiert ohne eine vorherige Diskussion zwischenmenschlich zu ermöglichen, taugt nicht als Meinungstool, sondern lediglich als Abstimmungstool. Die Probleme des Abstimmungstool LQFB wurden im übrigen diskutiert.
(2) LQFB ist unsicher und wird noch immer unsicher betrieben. Schwere Sicherheitslücken werden geradezu treudoof hingenommen und es ist von den LQFB-Betreibern nicht erkennbar, das etwas am System verändert werden soll.

LQFB wurde verbrannt weil es wider jeder Vernunft zu früh eingeführt wurde - insbesondere in Berlin.

 
Am/um 18. Mai 2011 um 23:33 , Anonymous Anonym meinte...

Man kann übrigens auch ein Et-Zeichen, dann die Buchstaben s, h und y, gefolgt von einem Semikolon zwischen die Silben copypasten, wenn man schon justifyen muss.

 
Am/um 19. Mai 2011 um 05:15 , Blogger Crackpille meinte...

@Simon:
Zu 1: 100% ACK, muss verbessert werden.
Zu 2: Ich kenne bisher nur eine Sicherheitslücke, die aber umgehend gefixt wurde. iÜ kann natürlich keine Software jemals völlig sicher sein - deswegen muss das ganze ja auch nachvollziehbar sein, damit Manipulationen auffallen.

@Anonym: Ahja. Was ist justifyen? Und zwischen welche Silben soll ich jetzt @shy schreiben? Fehlt mir da gerade ein Stück Netzkulturwissen?

 

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