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Ist "Basisdemokratie" demokratischer als Liquid Democracy?

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Die Kinderfresser-Bar: Ist "Basisdemokratie" demokratischer als Liquid Democracy?

Montag, 28. Februar 2011

Ist "Basisdemokratie" demokratischer als Liquid Democracy?

Liquid Democracy wird zuweilen angekreidet, es führe auf Grund seiner Delegationsmöglichkeit zu undemokratischen Machtkonzentrationen. Doch ist die Alternative Basisdemokratie wirklich demokratischer? Der Versuch einer kritischen Analyse.

Ich habe in den letzten Tagen einige aufschlussreiche Konversation betrieben mit Personen, die das Konzept von Liquid Democracy ablehnen. 

Fundamental angegriffen wird häufig die Möglichkeit der Delegation. Eine Delegation führe zur Entstehung von "Delegationskönigen", also zu Personen, die in einem solchen System viele Delegationen auf sich vereinen können und damit ein höheres Stimmgewicht erreichen als andere. Damit entstehe eine Machtkonzentration, die undemokratisch und grundsätzlich abzulehnen sei. 

Das kann man natürlich erst einmal so sehen. Doch ich bin überzeugt, ein Grund für dieses Argument ist ein rein psychologischer:
Die Transparenz der Delegationen macht die Machtkonzentration sehr deutlich sichtbar. Ich habe die Globaldelegationen in der Bundesinstanz von Liquid Feedback mal mit liquid.analyze visualisiert. Die Pseudonyme habe ich erneut pseudonymisiert, allerdings ist meiner Einschätzung nach das Bild auf Grund des Programmes oder meiner Inkompetenz in der Bedienung nicht vollständig. Trotzdem - zur Illustration reicht es aus.

Pseudonymisierte Visualisierung der Globaldelegationen im Bundesliquid, erstellt mittels liquid.analyze, Stand 28. Feb. 2011

Wir sehen hier sehr klar, dass sich Delegationsgruppen bilden und auch eine Person - vermutlich auf Grund ihres Bekanntheitsgrades, recht viele Global-Delegationen auf sich vereinigen kann.

Einschränkend muss gesagt werden, dass die Delegationen nur begrenzt aussagekräftig für die späteren Abstimmungen sind und innerhalb der einzelnen Themenbereiche die Delegation wieder völlig anders verteilt sein können. Ich spiele noch mit den Möglichkeiten und Grenzen von liquid.analyze.

Trotzdem führt dieses Wissen um Machtkonzentrationen, das sich ja auch direkt in Liquid Feedback zahlenmäßig ablesen lässt, zu einem Reflex der Ablehnung - sowas kann ja nicht demokratisch sein. Dies gilt gerade für Piraten, die jeglicher Macht kritisch und misstrauisch gegenüberstehen.

Aber sind die angebotenen Alternativen tatsächlich besser? Tarzun hat das für den status quo - also die Vormachtstellung des Vorstandes - sehr knackig dargelegt:
Ohne eine, wie auch immer aussehende, "Technologie" um zwischen den Parteitagen Dinge zu "entscheiden" (etwa die (Nicht-)Unterstützung einer AntiGen-Demonstration) hat man aber 12 Monate lang exakt sieben Superdelegierte, die dann wegen Urlaub, Abwesenheit oder Schwänzen sogar noch 2:1-Entscheidungen treffen und mit denen die ganze Partei dann leben muss.
Dieser Einschätzung werden die allermeisten Piraten sicherlich zustimmen. Doch was tun? 

Ein System, das gerne als Alternative zu Liquid Democracy angeführt wird und das Problem der Machtkonzentration beheben soll, ist das Konzept der Basisdemokratie.

Sicherlich kann man jetzt trefflich darüber diskutieren, ob Liquid Democracy nicht auch basisdemokratisch ist oder nicht, doch angesichts ihrer Zwitterstellung zwischen direkter und repräsentativer Demokratie wird uns das ähnlich weit voranbringen wie eine Guttenberg-Collage die Wissenschaft.

Daher seien wir mal pragmatisch und definieren wir Basisdemokratie als ein System, das auf Delegationen völlig verzichtet. Jeder Pirat hat eine Stimme und kann zu Fragen dann abstimmen oder es sein lassen, aber jedenfalls seine Stimme nicht weitergeben.

Doch verhindert man so tatsächlich Machtkonzentrationen? Oder treten diese vielleicht nur anders und weniger offensichtlich auf?

Warum ballt sich Macht zusammen?
Das Grundproblem ist, dass Entscheidungen von allen demokratisch getroffen werden sollen, aber - das liegt in der Natur jeder Arbeitsteilung - nicht jeder auch tatsächlich Ahnung von den Fragen hat, die er entscheiden soll.

Das ist weder ein Vorwurf noch eine Unterstellung von Dummheit, sondern eine logische Konsequenz. Letztlich sind wir als einzelne Individuen in unserem Wissen und Verständnis auf ganz wenige Teilbereiche beschränkt; jede arbeitsteilige Gesellschaft besteht - flapsig formuliert - komplett aus Fachidioten, die durch Verfahren und Systeme miteinander verbunden sind, die idealerweise dazu führen, das wir irgendwie intelligent  zusammenwirken.

In engen Grenzen können wir uns natürlich vor einer Entscheidung informieren - lassen wir mal dahingestellt die Frage, wieviele das wirklich tun. Doch wieviel Zeit müsste beispielsweise ich (als Jurist) aufwenden, um mir qualifiziert eine eigene Meinung zu einer Frage der Finanzpolitik bilden zu können? Mein Blog könnte ich für die nächsten Monate vermutlich zumachen.

Es gibt eine endliche Anzahl von Möglichkeiten mit diesem Problem umzugehen. Der Ansatz von Liquid Democracy ist es, mir die Entscheidung zu überlassen, ob und wenn ja wem ich meine Stimme in Fragen weitergebe, die ich nicht selbst entscheiden kann. Im Regelfall wird das jemand sein, den ich für kompetenter halte in dieser Frage als mich selber.

In einem System ohne Delegation habe ich diese Möglichkeit nicht. Werfen wir daher doch mal einen Blick auf meine Möglichkeiten, in einem basisdemokratischen System diesem Problem zu begegnen.

Machtkonzentration bei $Inkompetent - Wer keine Ahnung hat, einfach mal Fresse halten!
Ich könnte zunächst einfach auf Abstimmungen zu Fragen verzichten, zu denen mir das nötige Verständnis und Hintergrundwissen fehlt. Ein solches System ist jedoch angewiesen auf ein hohes Maß an Selbstdisziplin und die Fähigkeit zur Selbstkritik bei allen seinen Teilnehmern. Das halte ich für ähnlich weltfremd wie zu hoffen, das morgen alle Menschen Brüder sind.
Wenn aber nicht alle diese Zurückhaltung üben, schlägt das Gefangenendilemma voll zu: Wenn ich mich zurückhalte, dadurch die Zahl der Abstimmenden kleiner und wiederum das Gewicht jeder einzelnen Stimme größer wird und dann aber doch $Inkompetent abstimmt, hat meine Zurückhaltung lediglich das Stimmgewicht von $Inkompetent gestärkt. Auch wenn ich also von meinem Unwissen weiß, ist es klug, trotzdem abzustimmen, um nicht den Einfluss von Personen zu stärken die nicht einmal ihr Unwissen sehen. Nichtabstimmen ist also keine gute Option.
Machtkonzentration durch Delegation unter der Hand
Nun wird natürlich nichts dadurch besser, dass ich, anstatt mich zurückzuhalten, wild in der Gegend rumstimme. Alternativ kann ich daher einfach ebenso abstimmen wie eine kompetente Person meines Vertrauens - dieses Verhalten kann man ganz gut auf Parteitagen beobachten oder bei Abstimmungen im Bundestag, wo eine ganze Fraktion entsprechend ihrem "Experten" abstimmt, ohne überhaupt noch zu wissen, worüber. Im Ergebnis haben wir nun eine ganz ähnliche Situation wie bei einer Delegation, nur dass hier die Stimme intransparent unter der Hand weitergegeben wird.
Nach außen hin sieht es weiterhin so aus, als hätte ich mir eine eigene Meinung gebildet, als hätte insgesamt eine größere Zahl von Personen entschieden und dadurch erscheint die Entscheidung stärker demokratisch legitimiert zu sein. Doch wie gesagt: Es sieht nur so aus. Die Machtkonzentration, die hier genauso entsteht wie in einem liquid-demokratischen System, wird verdeckt durch eine Illusion.
Machtkonzentration durch Meinungsmanipulation
Das stärkste Defizit aber ist in meinen Augen Folgendes:

Gerade weil mir das nötige Verständnis und Hintergrundwissen für eine fundierte Entscheidung fehlt, bin ich besonders leicht zu beeinflussen. Ich kann in der Diskussion gebrachte Argumente nicht verifizieren, einschätzen und gewichten, weshalb ich auf andere Kriterien zurückgreifen muss. Das macht mich sehr anfällig für gezielte Meinungsmanipulationen und Demagogie. Es führt dazu, das Personen, die sich ansprechend verkaufen können, im Buhlen um Zustimmung am meisten Stimmen abräumen.
Damit entsteht die Machtkonzentration, die man durch ein Verbot der Delegation ausschalten wollte, ebenfalls wieder neu - allerdings gerade bei Personen, die sich nicht auf Sachfragen sondern auf Meinungsmanipulation besonders gut verstehen.

Machtkonzentration durch Initiativrecht und Vorauswahl
Ein weiterer Knackpunkt ist das ungelöste Problem von Initiativrecht und Vorauswahl. Wenn in einem basisdemokratischen System beispielsweise Positionspapiere durch die Piraten entschieden werden sollen, stellt sich die Frage, wie die Positionspapiere zu Stande kommen. Wer darf diese erarbeiten und zur Abstimmung stellen? Kann das bloß der Vorstand, dann hat er wieder eine sehr starke Machtposition, bestimmte Meinungen zu bevorzugen und andere zu unterdrücken. Was er nicht zur Abstimmung stellt, kann nicht beschlossen werden. Dasselbe gilt, wenn zwar alle Piraten ein Initiativrecht haben, aber eine moderierte Vorauswahl stattfindet.

Hat dagegen jeder dieses Recht und gibt es keine Moderation, müssen sich alle Piraten dauernd mit Trollanträgen herumärgern. Anträge wie Franken als selbstständiges Bundesland oder Überprüfung sämtlicher Religionen auf Vereinbarkeit mit dem Grundgesetz, die in Liquid Feedback auf Grund der Systemdynamiken still und leise untergehen, würden diskutiert und abgestimmt, was - abseits des bestenfalls lächerlichen, vielleicht sogar schädlichen Bildes in der Öffentlichkeit - auch Zeit und Kraft der Mitglieder sinnlos verschleudert.

Fazit
Auch in einem basisdemkratischen System entstehen Machtkonzentrationen durch die Dynamiken des Systems. Sie treten aber verstärkt bei meinungsstarken Personen auf, die sich gut verkaufen und geschickt andere manipulieren können. Außerdem wird unter der Hand quasi-delegiert und auch für eine demokratische Gestaltung des Initiativrechts ist mir noch keine Lösung bekannt.

Anders als in einem liquid-demokratischen System, wo die Machtkonzentrationen sich präzise abbilden und zuordnen und damit auch kritisch beleuchten lassen, bilden sich in einem basisdemokratischen System Machtkonzentrationen hinter den Kulissen. Die höhere demokratische Legitimation, die einem basisdemokratischen System zugesprochen wird, ist daher lediglich eine Illusion.

Es stellt sich daher die Frage, ob man es vorzieht, von Machtkonzentrationen nichts zu wissen, oder ob man sich traut, ihre Existenz anzuerkennen und klar abzubilden. Die Wahl zwischen den Ideen Basisdemokratie und Liquid Democracy ist damit zugleich eine Wahl zwischen Illusion und Wirklichkeit.

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2 Kommentare:

Am/um 28. Februar 2011 um 11:01 , Anonymous tarzun meinte...

Danke fürs Zitieren, ist der Kram von mir doch für was gut. Ich hae was früher mal meine Meinung zu den zahlreichen Alternativ-Vorschlägen, insb. zu denen, die spätestens beim Abstimmen auf Delegationen verzichten und/oder statt kompletter Offenheit auf Krypto-Foo setzen am Beispiel der BPT2010.2-Vorbereitung was geschrieben: http://wiki.piratenpartei.de/Benutzer:Tarzun/Standpunkte/LF-Alternativen - Vielleicht ist das ja auch für was gut :-)

 
Am/um 28. Februar 2011 um 23:59 , Blogger Crackpille meinte...

Hey Tarzun, danke für den Link, den kannte ich noch nicht.

Beim Krypto-Foo fehlt leider häufig eine klare Ansage, was damit überhaupt erreicht werden soll.

Nur weil man irgendwo Krypto raufschmeist, wirds nicht sicher. Am Ende kommt dann sowas wie X-Pire raus. Ne Menge Crypto, kein Effekt. Oder zusätzlich, wie du im Wiki vorgerechnet hast, geht auch noch die Usability den Bach runter. Man kann schlichtweg kein unmanipulierbares System schaffen. Das geht weder bei einer Wahl auf toten Bäumen noch mit einem Computer. Und deshalb MUSS jedes System öffentlich kontrollierbar sein. Die mangelnde Sicherheit wird durch Überprüfbarkeit kompensiert. Dann braucht man auch kein Krypto-Foo.

 

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