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Wo hast du diesen bösen Feminismus gelernt?

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Die Kinderfresser-Bar: Wo hast du diesen bösen Feminismus gelernt?

Sonntag, 31. Juli 2011

Wo hast du diesen bösen Feminismus gelernt?

Frage: Wo hast du diesen bösen Feminismus gelesen/gelernt? Durch zweite Hand? Durch Erzählungen? Hast du Bücher gelesen? Emma? Wo hast du dein Bild her? Würde mich echt interessieren, weil ich kenne das selber und habe irgendwann begriffen, wieviel Polemik und Propaganda dahintersteht :(

Darüber musste ich zunächst nachdenken, es gibt nämlich nicht so einen zentralen Punkt, an dem ich das festmachen könnte. Ich nähere mich dem deshalb mal etwas anders und versuche einen Sprung auf die Meta-Ebene.

Ich glaube, es fing tatsächlich mit der genderkorrekten Sprache an, die mich gestört hat, weil sie so unästhetisch ist. Dann die Feststellung, dass die propagierten Bilder von Beziehung, Sex und Liebe irreale Zerrbilder sind, quasi schlechte Fotokopien einer einzigen Facette dessen, was real ist oder sein könnte. Eine zeitlang habe ich mich sehr intensiv mit Sexualität beschäftigt, dem Wandel der diesbezüglichen Moralvorstellungen im Laufe der Geschichte, ihrer Wiederholungen und ihrer Entwicklungen, ihre Willkürlichkeiten. Ich habe jedes mir bekannte Buch & jeden Film besorgt, der in diesem Kontext indiziert und verfolgt wurde, habe mich fasziniert mit Prostitution und Pornographie beschäftigt. Und je mehr ich das tat, desto klarer und offensichtlicher wurde für mich der gap zwischen dem, was ich um mich herum als Realität wahrnahm, und meinem Eindruck davon, wie Menschen eigentlich sind, was sie antreibt, was sie wollen, und wie sie durch das Nacheifern dieser Zerrbilder sich eigentlich genau das vorenthalten, was sie suchen.

Ich habe den Eindruck, dass einige dieser Zerrbilder aus der Richtung des Feminismus kamen, kann jetzt im bewussten Rückblick aber nur zweierlei Ausprägungen klar benennen: Zum einen diese unsägliche Porno-Debatte, die regelmäßig wieder hochgekocht wird, zum anderen die Kriminalisierung von Prostitution, wie sie bspw. in Schweden existiert. Nicht auszuschließen, dass ich auch andere Zerrbilder unbewusst dem Feminismus zugeschlagen habe, weil dieser der lautstärkste Vertreter mit der Motivation ist, Sexualität und Beziehung in die Kategorien von richtig und falsch zu pressen und damit sogar den wirren Worte der Kirchen Konkurrenz macht.

Stück für Stück hat sich mir ein Beziehungsbild und ein Verhältnis zur Sexualität enthüllt, mit dem ich gut und glücklich leben kann und mit dem ich - zu meiner ehrlichen Überraschung - in meinen Freundes- und Bekanntenkreis auf weit mehr Zustimmung und Bestätigung oder doch immer mindestens Offenheit getroffen bin, als ich erwartet habe. Ich glaube, da ist mir so fundamental klargeworden, wie weit die eigenen Erwartungen an Normalität und das, was in den Köpfen der Menschen tatsächlich drin ist, auseinanderliegen. Aber weil wir alle eben mit dieser Normalitätserwartung rumlaufen, der wir alle nicht entsprechen und uns deshalb schuldig glauben, sprechen wir nicht darüber und erkennen deshalb nicht, das wir gar nicht Abweichler von irgendeiner Norm sind, sondern die geglaubte Norm von uns abweicht, wir also nicht alleine sind, sondern es uns nur glauben.

In diesem Zusammenhang las ich Ibsen - im Hinblick auf Feminismus könnte da Nora, oder ein Puppenheim als relevant gelten und begann, über diesen Themenkomplex zu kommunizieren. Auch Feminismus war dabei ein Thema. Nicht im Sinne einer wissenschaftlichen Diskussion sondern als ein Austausch darüber, wie Feminismus erfahren und bewertet wird und auch hier stellte ich eben jene Diskrepanz fest zwischen Erwartungshaltung und Realität. 
Ein Beispiel ist, dass gerade auch viele Frauen es nicht gut fanden, dass sie vor Männern bei Einstellungen bei gleicher Eignung bevorzugt werden. Oder der nur leicht verdeckte Sexismus, der in der Ablehnung der Adoption von Kindern durch gleichgeschlechtliche Paare liegt, wohinter - wenn man etwas nachbohrt - zum einen das steckt, was du (?) im Podcast treffend als Muttermythos bezeichnet hast, also der Glaube, Mütter hätten ob ihres Frau-Seins eine quasi gottgegebene Qualifikation zum Erziehen von Kindern, an die ein Mann schon deshalb niemals herankommen kann, weil er das Kind nie in seinem Bauch getragen hat. Deshalb sind  dieser Logik nach auch zwei lesbische Frauen zur Erziehung von Kindern ungleich geeigneter als zwei schwule Männer.

Dazu kommt dann noch - jedoch selten ausgesprochen - diese absurde Vorstellung, (männliche) homosexuelle Eltern würden das Kind mit ihrer abweichenden Sexualität infizieren. [Off Topic: Dasselbe Argumentationsmuster hat übrigens auch Frau von der Leyen gebracht nach dem Motto, wer im Internet zufällig über Kinderpornographie stolpere werde angefixt und vergewaltige dann kleine Kinder. Wie beschädigt muss man psychisch eigentlich sein, um die Realitätsferne dieses Argumentationsmusters nicht zu erkennen?]

Die Ungleichbehandlung geht beim Sorgerecht weiter, was nicht nur bedeutet, dass insbesondere bei unehelichen Kindern der Vater fast keine Rechte hat, sondern sogar noch Pflichten. (Womit ich nicht die Unterhaltspflicht an sich kritisiere, sie ist gut und richtig, wird aber bei gleichzeitiger Versagung der Rechte zu einem Verstärker dieses Ungerechtigkeitsgefühls.)

Jetzt fragst du dich vielleicht, was hat das mit Feminismus zu tun? Ja, da musste ich jetzt auch erstmal kurz nachdenken, woher diese Gedanken gerade kamen. Ich denke es ist das Gefühl, dass hier die Kehrseite der Gleichberechtigung versagt wird. Das schmerzt, wenn man einen gewissen Sinn für Gerechtigkeit hat, und es erscheint mir eine plausible Hypothese, dass man diesen Schmerz unbewusst zurück auf den Feminismus projeziert, der eben diese Gleichberechtigung propagiert.

Auf einer Podiumsdiskussion im Dunstkreis Pornos im Internet wo ich mal war, war dann eine Bloggerin der maedchenmannschaft zu Gast, deren Standpunkte mir im Kontrast zum Sittenverfall-Kindesverstörungen-Weltuntergangs-Charme der Veranstaltung teilweise ganz erfrischend erschienen. Ich hab eine Zeit lang das Blog gelesen, aber ich fühlte mich dort schon nach wenigen (versuchten) Kommentaren sehr unwillkommen. Das gilt übrigens auch für mindestens eine Frau die ich kenne. @ekelias hat vorhin im Mumble ganz gut den Mechanismus analysiert, warum das so passiert ist.

Tja, ich denke das war der Zeitpunkt, wo ich das Thema erstmal ein wenig ad acta gelegt habe, nicht allein wegen der Reaktion, sondern weil auch andere Dinge kamen. Das Studium beispielsweise, wobei auch hier die Thematik latent präsent war, weil, wenn man ein wenig über die Paragraphen hinausschaut, man die Spuren jedes Zeitgeistes und aller geistigen Strömung in Gesetzen entdecken kann. Eine treffende Analogie ist vielleicht ein Baum, der in seinen Ringen ein Gedächtnis für seine Geschichte mit sich herumträgt.

Auf Grund einer gewissen Irritation die du bei mir hervorgerufen hast wegen deiner intensiven Befassung mit diesem Thema, habe ich mir dann euren Podcast angehört und habe vieles wiedergefunden, was ich selber denke.

So ungefähr ist mein Bild des Feminismus entstanden.

[Interthematische Ergänzung: Die Sache mit den Zerrbildern ist im Übrigen einer der Gründe, warum ich Liquid Democracy für so genial halte. Es ist als Werkzeug der kollektiven Selbstvergewisserung geradezu perfekt geeignet, solche Zerrbilder zu dekonstruieren.]

Dies ist eine Antwort auf den Kommentar von @laprintemps in Reaktion auf den Artikel 'Vom Feminismus zum Piratenfeminismus'. Leider war er zu lang für die Kommentarfunktion, daher ist er nun ein Blogpost.

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