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Warum Priorisierung statt Netzneutralität eine schlechte Idee ist

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Die Kinderfresser-Bar: Warum Priorisierung statt Netzneutralität eine schlechte Idee ist

Montag, 16. August 2010

Warum Priorisierung statt Netzneutralität eine schlechte Idee ist

In der Debatte um Netzneutralität schalten sich zunehmend differenzierte Stimmen ein, die keine strikte Netzneutralität fordern, sondern auch Raum für Priorisierung lassen wollen. Ein dummes Netz, so die Message, sei ineffizient, wenn es Datenpakete, die zeitkritisch sind, nicht solchen vorzieht, die es sind.

Ein Telefonat, so das übliche Beispiel, müsse bevorzugt werden vor dem Download einer Datei - bei dieser machen ein paar Sekunden Verzögerung nichts aus, beim Telefonat wird jede Latenz jenseits von 100 - 150 ms als störend empfunden.

In der Theorie ist Priorisierung eine tolle Sache - ich betreibe sie selber intensiv an meinem Heimat-DSL-Anschluss. Praktisch aber fürchte ich aus vier Gründen, dass das Internet schlechter und nicht besser durch Priorisierung wird.


1. Die technische Qualität des Internets wird sinken
Jeder wirtschaftlich denkende Netzbetreiber (also jeder) hat ein Interesse daran, Investitionskosten in sein Netz gering zu halten, möchte aber trotzdem seinen Kunden eine hohe Bandbreite - zumindest auf dem Papier - verkaufen können.

Bisher zwang das Prinzip der Netzneutralität die Netzbetreiber zum kontinuierlichen Ausbau ihrer Infrastruktur. Wenn Kunde A nicht mehr ohne dauerndes warten im Internet surfen kann, weil Kunde B und C nebenan exzessiv Filesharing an ihrem Breitbandanschluss betreibt und damit den Backbone auslastet, an dem A, B und C gemeinsam hängen, dann hat der Netzbetreiber ein Problem, die Qualität seines Angebotes sicherzustellen.

Also muss er entweder die Bandbreite der Nutzer reduzieren - also bspw. keinen 100Mbit-Zugang anbieten, sondern nur 20Mbit - oder den Backbone entsprechend ausbauen, dass möglichst kein Stau entsteht. Resultat ist ein kontinuierlicher Ausbau des Netzes, weil Nutzer lieber das SuperSize-Menü als das Spar-Menü bestellen, auch wenn sie beides satt machen würde.

Besteht aber die Möglichkeit der Priorisierung, werden die Daten priorisiert werden, die zwar viele Menschen nutzen, die aber wenig Transfervolumen erzeugen. Wer einmal Kunde bei KabelDeutschland in einem schlecht ausgebauten Gebiet war, weiß wie sich das anfühlt.

Zu Spitzenzeiten kann man zwar noch wunderbar im Netz surfen - Verbindungen zu Nicht-Standard-Ports (bspw. für SFTP, VPN, P2P) sind aber derart langsam, dass sie sogar häufig mit einem Timeout abbrechen.

Um bei obigen Beispiel zu bleiben, besteht auch jetzt noch der Stau am Backbone. Nur wird dieser kaschiert - Kunden bekommen davon nur noch etwas mit, wenn sie die Standard-Kommunikationswege verlassen. Damit fällt ein großer Teil der Nutzer - also diejenigen die denken, das Internet sei dieser Kram im Browser - schonmal als Betroffene weg.

Daher können die Netzbetreiber nun weiter ihre Breitbandangebote vermarkten, ohne für diese tatsächlich ein entsprechend ausgebautes Backbone bereitstellen zu müssen. Das Produkt ist zwar nach wie vor technisch mangelhaft - aber den meisten fällt es nicht mehr auf.

Daher kann man nun die Investitionskosten in die Netzinfrastruktur zurückfahren. Das Netz wird technisch schlechter.


2. Eine Priorisierung nach Inhaltstypen kann nicht funktionieren
Priorisierung soll aber auch nach Befürwortern derselben nur abhängig von Inhaltstypen erfolgen. So soll nicht beispielsweise VoIP von Anbieter X oder SIP als Quasi-Standard für Telefonie priorisiert werden, sondern VoIP im Allgemeinen.

So sollen Wettbewerbsverzerrungen verhindert werden. Was gut klingt ist technisch aber überhaupt nicht machbar. Denn VoIP - also Sprackkommunikation über das Internet - lässt sich auf vielen Wegen betreiben. SIP, Skype und Teamspeak sind drei große Bereiche. Aber es ist realistisch nicht möglich, wirklich jeden Dienst zu berücksichtigen.

Wenn ich eine kleine Software schreibe, die Ende-zu-Ende-verschlüsselte Sprach-Kommunikation per Smartphones erlaubt - wird diese dann auch priorisiert werden können? Wohl kaum - standardmäßig landen sie dann in der "Müllklasse" - also in dem Pool, der nicht explizit als wichtig markiert ist. Zumindest, solange ich nicht entsprechend alle Netzbetreiber davon überzeugt habe, dass auch diese Datenpakete wertvoll sind.

Resultat ist die Bevorzugung etablierter und die Hemmung der Einführung neuer Techniken.

3. Eine nutzerautonome Priorisierung ist nicht realisierbar
Als Kompromissvorschlag wird auch vorgebracht (beispielsweise von Kristian Köhntopp), die Kontrolle über die Priorisierung müsse beim Endkunden liegen. Dies allerdings ist kaum möglich.

Denn findet die Priorisierung nur auf dem Stück Leitung zwischen Endkunde und Backbone statt - quasi auf der letzten Meile - dann  besteht kaum ein technischer Fortschritt zu der bereits heute in vielen SOHO-Routern verfügbaren Priorisierungsmöglickeiten

Wird die Priorisierung aber auch im Backbone der Provider berücksichtigt, werden automatisch die Nutzer benachteiligt, die keine Priorisierung wünschen, sich aber auch durch dieses Backbone quetschen müssen.

4. Jede Priorisierung wird umgangen werden
 Weil das niemand hinnehmen wollen wird, werden die Techniken so angepasst werden, dass sie die Priorisierungstechniken der Diensteanbieter unterlaufen. Woher will der Netzbetreiber wissen, ob ein Datenpaket von Port 443 eine SSL-verschlüsselte Webseite ist - oder irgendeine andere SSL-verschlüsselte Verbindung? Datenstrom ist Datenstrom.

Resultat ist das zuznehmende Umgehen der Priorisierung - also eine Rückkehr zum status quo - bloß, dass dies nun in einem nur noch mangelhaft ausgebauten Netz passiert. Der Versuch der Netzbetreiber, alles zu unternehmen, um die "Trickser" auszusperren, wäre ein Kampf gegen Windmühlen.

Selbst bei einer intensiven Analyse aller Pakete - die sowohl technisch sehr anspruchsvoll als auch höchst bedenklich im Hinblick auf die Privatheit der Kommunikation ist - stünde man bei verschlüsselten Datenpaketen vor einem Problem.

Fazit
Priorisierung ist auch aus Anwendersicht technisch wünschenswert, wenn es darum geht, das Internet-Erlebnis verzögerungsfrei zu gestalten. Dies ist zwar nicht die eigentliche Absicht der Netzbetreiber - die wollen den "Big Players" wie Google & Co ans Portemonaie - aber durchaus zu berücksichten, wenn man - wie beispielsweise gerade die PIRATEN - um eine gemeinsame Position zur Netzneutralität ringt.

In der Realität aber wird Priorisierung als "nice-to-have-Feature" sehr unerwünschten Entwicklungen den Weg bereiten. Deshalb ist an einer strikten Netzneutralität festzuhalten. Lediglich an Punkten, an denen ein Engpass nicht durch Ausbau der Infrastruktur kompensiert werden kann oder dieser unzumutbar ist, kann darüber im Einzelfall nachgedacht werden.

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